Category: Unerhörte Geschichten

  • Unerhörte Geschichten: Menschen die wir ignorieren haben etwas zu erzählen

    Hey, diese Woche ist Chaos Communication Congress! Aber bevor ich hin gehe, wollte ich meine Mutter und meinen Bruder wieder besuchen – hab die etwas vermisst. Also nahm ich die U35 von meiner Studi-Wohnung zum Hauptbahnhof Bochum, um über Essen nach Gelsenkirchen zu kommen. Wie so oft, als ich heute am Essen Hbf war, haben Menschen nach Geld gebeten. Natürlich standen Leute mit Bechern in ihren Händen rum, um das Fragen nach Geld anzudeuten. Die haben nicht wirklich gefragt, es ist ja in Deutschland verboten explizit (verbal) nach Geld zu betteln.

    Irgendwer hat mir etwas gesagt, was ich nicht verstanden habe, weil ich auf etwas anderes konzentriert war, worauf ich “Ja, bitte?” antwortete. Sie war überrascht und sagte “Oh, wirklich?”. Ich war verwirrt. Wie ich herausfand, hat sie mich gefragt, ob ich ihr Essen kaufen könnte. Absolut glasklar – das war alles. Das ist schon ungewöhnlich. Das nächste was passiert ist ist, dass ein mehr oder weniger offiziell aussehender Mann, möglicherweise von Deutsche Bahn, seinen zügigen Gang anhält, um von ihrer Seite zu ihr zu sprechen. Er kam mit seinem Kinn ihrem Kopf schon etwas näher. Mit einer klaren und scharfen Stimme sagt er zu ihr so etwas wie “Wenn du willst kann ich den Sicherheitsdienst rufen, es ist verboten Leute anzubetteln!” Unabhängig davon, ob das Anbetteln illegal ist oder nicht, er hat ihr im Prinzip gedroht.

    Sie hat nach Essen gefragt. Na gut, also fragte ich was sie braucht, während ich mich nach Essensläden umsah und mich wunderte, welche passend wären. “Lidl”, sagte sie. Ehrlich gesagt habe ich das nicht erwartet. Ich dachte an den fast-food Asia-, Fisch-, oder Pommes-Laden – aber Nein, Lidl. Und ehrlich gesagt – zwischen den ganzen Gedanken die ich hatte – war da auch einer dabei wie “Na gut, vielleicht komme ich dabei sogar günstiger bei rum”. Wir fingen langsam ein Gespräch an. Nachdem wir das Geschäft betraten fragte ich nochmals, was sie denn braucht. Das erste wozu sie griff war Toast und sie erzählte mir von ihren Kindern. Sie fragte, ob Nutella kaufen okay wäre, bevor sie auch das nahm.

    Während hier und da ein paar ausgewählte Produkte zum Einkaufskorb hinzugefügt wurden, stellte ich ihr hier und da ein paar Fragen. Ich lernte, dass sie aus Rumänien immigriert ist und Schwierigkeiten bei der Anmeldung bei der Arbeitsagentur hat, um legal zu arbeiten. Sie erwähnte, dass ihre Deutschkenntnisse nicht ausreichend wären, aber ich fand dass das zumindest auf ihre Englischkenntnisse definitiv nicht zutrifft. Nachdem ich erzählte, dass immigrierte Familien, die ich kenne, nicht einmal gut Englisch sprechen, erzählte sie mir dass sie in Rumänien ein Haufen sprachen gelernt hat. Ich erinnere mich nicht mehr, wie viele Sprachen sie kann, aber sie zählte eine Handvoll auf und ich denke, dass ihre Sprachkenntnisse kein Hindernis für einen Einstieg in Arbeit sein sollte. Vielleicht ist das ein Problem von Selbstsicherheit, aber vielleicht hat sie auch nicht die Leute kennengelernt die sie in einen passenden Arbeitsplatz einführen könnten (wie die Agenturen für Arbeit).

    Was ich auch lernte ist, dass der “Happy Day” (“Freude Tag”) ihres Sohnes in 2 Tagen anstand. Also fügten wir natürlich Backkakao, Vanilleextrakt, und eine Packung Zucker hinzu. Obwohl sie betteln und Androhungen von legalen Konsequenzen aushalten muss, um überhaupt etwas mehr zum Happy Day ihrer Kinder kaufen zu können, sagt sie dass ihr Leben in Deutschland trotzdem noch besser ist, als die schwierige Situation in Rumänien, wo sie Teile ihrer Familie zurück gelassen hat. Diese Frau in ihren 30ern kämpft nicht nur fürs Überleben, sondern auch für die Würde ihrer Kinder und einen Kuchen für deren besonderen Tage. Während den Schwierigkeiten und Hass, den sie erfährt, blieb sie immer sehr nett und drückte ihre Dankbarkeit aus und wiederholte eine Millionen mal: “Dankeschön, der Herr!” (“Thank you, mister!”)


    Sie fragte nach und bedankte sich für Dinge, die wir für grundlegend halten:

    • Hähnchen
    • Cerrystrauchtomaten
    • Fairtrade Backkakao
    • Rübenzucker
    • Eier Bodenhaltung 18er
    • Vanille Zucker
    • Lebensmittelfarben
    • Ringsalami
    • Vanilleextrakt
    • Edelsalami
    • Nutella
    • Kokosraspeln
    • Mandeln gemahlen
    • Mandeln balanchiert
    • Croissant Nuss-Nougatcreme
    • Buttertoast

    Diese Geschichte hat mich beeindruckt und etwas nachdenklich gemacht. Sie hat für Essen gebettelt, wurde bedroht, und einfach nur versucht Grundlegendes & für ihren Sohn einen Kuchen zu bekommen. Wie viel Mühe sie dafür gibt, das zu kriegen und bieten zu können, was für uns selbstverständlich ist. Es hat mich auch zum Reflektieren über eigene Erfahrungen gebracht: Ich habe nie materiell verschwenderisch gelebt und erinnere mich wie auch meine Mutter so viel mehr Mühe gegeben hat, um meinen Bruder und mich glücklich zu machen. Eine Lektion meiner Mutter kam mir wieder: “Spar’ nie an Essen.” Ich lerne das immer noch für meinen eigenen Haushalt, aber hoffe auch dass das gekaufte Essen für die Frau die ich kennenlernte, sie und ihre Familie etwas glücklich gemacht hat, zumindest für ein paar Tage. Und vielleicht erinnert sie sich daran und denkt nicht, dass alle sie bedrohen wollen.

    Und das war nur eine Geschichte. Nur eine Frau die ich kennengelernt habe. Wie viele bettelnde Menschen hast Du diese Woche gesehen? Was ist mit obdachlosen Menschen? Diese Erfahrung und ein paar vergangene Gespräche inspirieren mich, öfter zuzuhören und ihre Geschichten zu teilen. Häufig waren Geschichten die ich mir anhörte emotional aber simpel. Das waren keine Science Fiction Geschichten, sondern Erfahrungen die uns bekannt vorkommen. Probleme so grundlegend, dass wir nur Empathie haben können.

    Die sozialen Probleme unserer Gesellschaft und unserer Mitmenschen sind oft ziemlich abstrakt, in Talk Shows und viel zu kurzen und oberflächlichen Nachrichten. Und diese Inhalte speichern wir ab, können mit ihnen aber nicht wirklich umgehen, weil sie so lose sind. Im guten Szenario sind die Menschen auf den Straßen (z.B. obdachlose Menschen) so immer noch eine fremde Gruppe, eine Stadterscheinung an die wir uns gewöhnt haben und keine Verbindung mehr zu ihnen aufbauen können. Im schlechten Szenario entwickeln wir Vorurteile und machen sie für ihre Erfahrungen selbst verantwortlich – welche, wir erinnern uns, grundlegende Schwierigkeiten sind, die wir auf irgendeine Art auch selbst kennen.

    Es wird Zeit die unerhörten Geschichten raus zu bringen – von den Menschen die wir ignorieren, aber mehr mit gemeinsam haben als wir realisieren.